Nachfolgend zwei ältere Texte aus der Zeit, als er noch mitten im Schreiben war.

Otherland und ich

OTHERLAND – das war ein flüchtiger Gedanke im Jahr 1989, der mir beim Autofahren kam. Ich dachte, es gibt so viele schöne Bücher, die eigentlich Bücher über Flüsse sind: Ein Fluß ist eine wunderbare Metapher für eine Reise. Denkt nur an die großen Fluß-Romane wie „Huckleberry Finn“ oder „Das Herz der Finsternis“! Dann dachte ich: Was wäre, wenn der Fluß selbst ein metaphorischer Fluß sein könnte, einer, der nicht aus Wasser besteht, sondern der Ideen transportiert – ein Datenfluß, ein virtueller Fluß, der alle möglichen Dinge miteinander verbindet, alles – Fantasy-Welten, verschiedene Kulturen unserer Welt, ja unterschiedliche Geschichtsepochen.

  • Mehr lesen
  • Zu dieser Idee eines Flusses kam meine Neugier: Wie würde sich wohl die Welt durch unsere neue Informationskultur verändern? Ich wollte wissen, ob sich etwas im Verhältnis zwischen Arm und Reich verändert, und ich begann mir Figuren auszudenken.

    OTHERLAND ist eine komplexe, spannende Abenteuergeschichte der Wunder.

    OTHERLAND, bzw. den ersten Band zu schreiben, war eine ganz neue Erfahrung. Es war frustrierender als bei meinen bisherigen Romanen, aber auch schöner. Frustrierender, weil die Geschichte in naher Zukunft passiert. Ich kann also nicht einfach hergehen und mir Sachen ausdenken. Ich mußte ein Dutzend dicke Bücher lesen und noch manches andere mehr, bloß um das Vorwort schreiben zu können! Wenn ich den Lesern einen Ort zeigen möchte, den sie kennen (Teile des Buches spielen in Kalifornien, in North Carolina, in Südafrika, in Kolumbien, Australien, Indien, an sehr realen Plätzen), dann muß er erkennbar sein, auch wenn die Handlung fünfzig Jahre in der Zukunft spielt.

    OTHERLAND ist eine SF-Geschichte mit Elementen aus Abenteuer, Fantasy und Thriller. Für mich ist es wie eine große Leinwand: ich erzähle nicht nur eine spannende Geschichte, sondern ich führe unterschiedliche Figuren ein und spiele mit Ideen – und ich erschaffe eine Welt. Keine völlige Phantasie-Welt, sondern unsere Welt, wie ich sie mir in naher Zukunft vorstellen könnte. Das ist für einen Autor die schwierigste Form von SF. Es ist viel leichter, eine post-apokalyptische Welt zu erfinden, als eine Welt plausibel darzustellen, wie sie in ein, zwei Generationen aussehen wird.

    Ich versuche immer, sehr genau zu recherchieren. Leider wird Fantasy-Literatur (SF weniger) oft von Leuten geschrieben, die meinen, bloß weil sie etwas erfinden, müßten sie nicht Bescheid wissen. Ich glaube im Gegenteil, daß man viel mehr wissen muß als ein normaler Autor. Denn man muß die Leser ja davon überzeugen, daß diese erfundene Realität existieren könnte.

    OTHERLAND zu schreiben war vor allem deshalb wunderbar, weil ich eine moderne Sprache verwenden konnte. Ich bin der Meinung, daß man in einem Fantasyroman nur Ausdrücke verwenden soll, die den Figuren des Romans geläufig sind. Sonst wird der Leser aus der Fanatsywelt hinaus und in seine eigene Gegenwart zurückgeworfen. Mit OTHERLAND konnte ich tun, was ich wollte, und ich verwende Wörter, die viel mehr damit zu tun haben, wie ich selbst spreche.

    Und dann genieße ich es natürlich, so viele Figuren zu haben, menschliche und andere! Ich schwelge geradezu in diesem komplexen Plot, den Zillionen Verästelungen der Handlung, den Squillionen von Vorausdeutungen, den Tonnen von bizarren Seitensträngen und den zahllosen und oft sehr unheimlichen Gestalten!

    Das Beste aber ist, daß in OTHERLAND, das selbst ein ungeheuer leistungsstarkes und realistisches Simulationsnetzwerk darstellt, in dem der Computer jede Art Schauplatz, jede Art Figur erfinden kann, einfach alles möglich ist. Im ersten Band beispielsweise lasse ich meine Figuren an realen Plätzen auftreten, die ich schon erwähnt habe, außerdem: auf einem Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs, im Wunderland von Alice, auf dem Mars aus einer Science-fiction-Geschichte aus dem 19. Jahrhundert, in der Eiszeit, in einem imaginären Amerika ohne Europäer, in einem Schloß über den Wolken, das einem menschenfressenden Maschinenmonster gehört, im Land von Rieseninsekten, im Himmel des alten Ägypten, in dem weltgrößten und furchterregendsten virtuellen Nachtclub und an vielen anderen Plätzen.

    Diese Geschichte zu erzählen macht mir einfach ungeheueren Spaß.

Was ich über VR denke

OTHERLAND – eine Realität ohne Grenzen, die Verlockungen und Versuchungen des VR. Wenn man durch Raum und Zeit reisen könnte, wenn es keine realen Grenzen, nur solche der Phantasie gäbe, wohin würdest du reisen? Ins Land der Pharaonen? In das Wunderland von Alice? Zu König Artus nach Camelot? In das Troja Homers? In Dantes Hölle? Wenn dies möglich wäre, wenn es möglich wäre, in eine perfekte Simulation jedes Ortes, den wir uns wünschen, eintreten zu können, wenn wir diesen Ort wirklich erleben könnten, sogar dort leben könnten, und wenn er uns absolut real erschiene, wenn das möglich wäre, dann, glaube ich, würde jeder von uns dorthin wollen.

  • Mehr lesen
  • In OTHERLAND, der von Menschen erschaffenen VR, wird alles, was man sich nur irgend ausdenken kann, Wirklichkeit. Man kann jede Gestalt annehmen, und man kann jedes Abenteuer erleben. Doch alles hat seinen Preis, und der Preis, den OTHERLAND verlangt, kann sich als zu hoch erweisen.

    Während ich dieses Buch schrieb, sagten alle: „Ach, du machst was mit Cyberpunk.“ Für mich ist das ein Beispiel, wie wir Dinge in Schubladen einsortieren, um mit dem komplexen modernen Leben fertigzuwerden. Alles, was mit VR zu tun hat, muß Cyberpunk sein, das steckte wohl dahinter. Aber einer der Gründe, warum ich OTHERLAND schrieb (ich habe immer eine Million Gründe, wenn ich einen Roman schreibe), ist, daß ich die Cyberpunk-Perspektive nur für eine von vielen halte, unsere Zukunft zu sehen und die Rolle, die Computer spielen werden.

    Für mich ist Cyberpunk in der Hauptsache ein Genre. Viele haben es schon gesagt: Cyberspace (auch den Namen, den William Gibson geprägt hat) gab es schon lange in der Science-fiction-Literatur. Es ist diese nihilistische, hoffnungslose Vision der Zukunft, die Cyberpunk zu dem macht, was es ist. Aber auch das ist natürlich nicht neu. Man denke nur an Michael Moorcock oder Harlan Ellison, sie haben das ähnlich gesehen, und das war vor zwanzig Jahren.

    Ich wollte einen Roman schreiben, der zur Hälfte Science fiction ist, weil ich in die nahe Zukunft schauen wollte, weil ich zeigen wollte, daß sich die Dinge nicht so sehr ändern würden. Es würde keinen Atomkrieg geben, keine Mutanten würden auf den Straßen herumlaufen, wir würden keine Kolonien auf den nächsten Planeten haben, jedenfalls keine menschlichen Kolonien, oder im Raum herumschippernde Sternenflotten.

    Ich interessiere mich für Geschichte und für ihre Gesetzmäßigkeiten, und ich denke, daß sich während der nächsten oder den nächsten zwei Generationen nicht viel ändern wird, daß alles so sein wird wie vor hundert, zweihundert oder dreihundert Jahren. Das heißt, Leute mit Geld und Macht werden weiterhin bekommen, was sie wollen. Mehr Leute als heute werden hungern und obdachlos sein, und der Durchschnitt wird sich Sorgen machen, daß alles den Bach runtergeht, und die jeweilige Technologie der Zeit wird eher nicht beachtet. Und VR, was heute so exotisch und fremd scheint, so Cyberpunk-mäßig, wird so normal sein wie heute Fernsehen. In OTHERLAND ist das, was eine kleine Gruppe von Leuten mit einer ganz speziellen VR anstellt, dieses Experiment jenseits allem, was bisher versucht worden ist, das eigentlich Erschreckende. Die Figuren in dem Buch finden VR ansonsten völlig normal. Und genau so werden wir in fünfzig Jahren alle denken, darauf wette ich.

    Es gibt Leute, die sehen sich das Internet an und denken: toll, was man damit alles machen kann, und andere fürchten, daß in Zukunft niemand mehr sein Haus verlassen wird. Ich denke, daß Computertechnik genau wie der elektrische Strom weder gut noch schlecht ist, sie ist einfach da. Mir gehörte die Hälfte einer Multimedia Gesellschaft, die sich auf VR und auf interaktives Fernsehen spezialisiert hatte. Einer meiner unzähligen Jobs. Daher habe ich mein spezielles Wissen auf diesem Gebiet. Die Simulationen in OTHERLAND sind so viel ausgeklügelter als alles, was wir heute kennen, aber der Roman handelt eigentlich nicht von der technologischen Seite. Was mich interessiert, ist, welche Freiheit sie den Menschen heute gibt – und was sie damit machen werden.
    In der Zukunft werden die Reichen und Mächtigen immer noch die besten Spielsachen haben, so wie es heute ja auch ist. Eines der Geheimnisse im Herzen von Otherland ist die Frage, warum die Reichen und Rücksichtslosen, da sie doch jede Form der Realität je nach ihren Geld- und Machtmitteln erschaffen können, die VR zu ihrer eigenen Domäne machen. Und das, obwohl doch der gesamten Menschheit ein völlig neues Universum von Möglichkeiten offenstehen würde, ein neues Universum, das allen nützen, allen ein besseres Leben bringen könnte. Aber sie setzen ihre skrupellose Verschwörung fort, um jeden Preis.