Meine Vorbilder – ein Interview

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Frage: Welche Autoren bewundern Sie oder haben Sie einfach gern gelesen?

Tad Williams: Aus dem Fantasybereich liebe ich natürlich Tolkien. Wegen seiner Darstellung des Schönen, wegen seiner Vision und wegen seiner Originalität. „Der Herr der Ringe“ formte einen ganzen Bereich der Literatur auf eine Weise, wie es nie zuvor durch ein einziges Buch geschah. Aus dem SF-Bereich finde ich Ray Bradbury und die Dune-Romane von Frank Herbert großartig. Andere meiner Lieblingsautoren sind Thomas Pynchon, wegen seiner vielen Ideen, und Anthony Burgess, der jedesmal ein anderes Buch geschrieben hat. Aber ich bin ein Büchernarr, so daß es schwierig ist, nur einige aufzuzählen. Ich mag Dickens und Jane Austen und T. H. White und viele andere. Ich bin gespalten. Ich liebe epische Abenteuerromane, historische Romane, schreckliche Ungeheuer, finstere Verschwörungen – den spannenden Plot, die aufregende Geschichte wie jedermann. Aber ich liebe auch die subtilen, detailreichen, intensiven Romane. In meinen eigenen Büchern versuche ich beide Elemente zu verbinden. Das ist vielleicht der Grund, weshalb meine Bücher so lang sind.

Frage: OTHERLAND ist ein eindrucksvolles Beispiel für eine Weltschöpfung.

T.W.: Ich denke, die Leute lesen Fantasy und SF gerade wegen dieser Weltschöpfung – d. h. eigentlich ist es eine „Zweitschöpfung“. Wenn man auf diese Zweitschöpfung (der Begriff stammt von Tolkien) genug Sorgfalt verwendet, dann wird sie an einem gewissen Punkt realer als die Realität – das kann unheimlich werden, wenn die Geschichte ihren eigenen Lauf nimmt, wenn sich Zusammenhänge entwickeln, sich Figuren eigenmächtig verändern. In OTHERLAND interessiert mich u.a. das menschliche Gehirn, das zwar sehr komplex und hochentwickelt ist, aber dennoch sehr alt und sehr spezialisiert. Ich weiß nicht, welcher Unterschied zwischen einer künstlichen, durch technische Mittel erzeugten Realität und der „normalen“ Realität besteht. Was also wird passieren? Laufen die Computer-Spiele-Veteranen einfach nur im Kreis, oder entwickeln wir Menschen uns gerade zu etwas Neuem? Das ist eine interessante Frage.

Frage: Fantasy-Geschichten sind oft ziemlich unoriginell. Ihre Geschichten aber sind neu und frisch. Wie machen Sie das?

T.W.: Freut mich, daß Sie es so empfinden … Zunächst einmal schreibe ich Bücher, die ich selbst gerne lesen würde. Ich habe oft den Eindruck, manche lesen so gerne Fantasy, daß sie bereit sind, sich mit dem Zweitbesten zufrieden zu geben, nur um ihren Hunger zu stillen – wie Leute mit Eßstörungen, die sich mit billigen Süßigkeiten vollstopfen, um ihre Probleme zu ersticken. Obwohl doch das, was gute Fantasy ausmacht, selten ist und sich nicht einfach so produzieren und nachahmen läßt. Das ist einer der Gründe, weshalb ich nie dasselbe Buch ein zweites Mal schreibe. Man kann nicht ständig in das gleiche leergekaufte Geschäft einkaufen gehen; man kann nicht einfach ein paar Sachen ändern und erwarten, daß das Buch noch die gleiche Kraft und Faszination hat. Offengestanden, der einzige Grund, den ich mir vorstellen kann, weshalb Leute immer wieder dieselben Bücher schreiben, ist, daß sie selbst immer nur dieselben Bücher lesen. Ich versuche also, mich immer wieder selbst zu überraschen, und ich hoffe, daß es genügend Leute wie mich gibt, die es satt haben, immer nur das Altvertraute vorgesetzt zu bekommen und die auf andere Ideen gebracht werden wollen.

Frage: Ihre Trilogie war klassische Fantasy. OTHERLAND ist Science fiction.

T.W.: Ich denke, ursprünglich gab es da keine Unterscheidung. Aber heutzutage gibt es Leute, die nichts ausprobieren wollen, von dem sie nicht hundertprozentig überzeugt sind, daß sie es auch mögen werden. Deshalb setzte hier das Marketing ein, und das Marketing beeinflußte die Autoren. Das ist tragisch, sehr tragisch. So gibt es jetzt Etiketten statt einfach unterschiedliche Bücher, über die sich der Leser sein eigenes Urteil bilden kann.

Frage: Sie sind als Schriftsteller eines bestimmten Genres berühmt. Haben Sie je mit dem Gedanken gespielt, sich als Mainstream-Autor zu versuchen?

T.W.: Ich schreibe Mainstream! SF und Fantasy sind heutzutage Mainstream. Die einzigen, die nicht erkennen, daß SF ein wichtiger Teil unseres kulturellen Lebens ist, sind die, die ihre eigene Kultur und ihren Wandel nicht genau beobachten.