Angesichts seiner Großwerke wie Otherland, Osten-Ard und jetzt Shadowmarch besteht die Gefahr, daß die kleinen Geschichten und Erzählungen von Tad in den Hintergrund treten.
Und doch zeigt sich gerade auch hier der Einfallsreichtum und Witz von Tad, seine ungebremste Fabulierlust. Für zwei seiner Geschichten hat er uns eigens zwei kleine Texte geschrieben, die hier zum ersten Mal veröffentlicht werden.

Die Insel des Magiers

Info zum Buch: Insel des Magiers»Über diese Geschichte zu reden, ist schwierig, denn sie ist gleichzeitig sehr persönlich und sehr unbefriedigend (zumindest deswegen, weil sie nie die Aufmerksamkeit erfuhr, die sie verdient – im Vergleich zur Trilogie [d. h. die Osten-Ard-Geschichte A.d.Ü.] meine ich).
Die Idee entstand vor langer Zeit während eines Gesprächs mit meiner englischen Lektorin, die jetzt meine Frau ist. Die Thematik der Geschichte, Trennung und Entfremdung, ist sehr eng mit einer sonderbaren Zeit verbunden, als sich in meinem Leben alles zu ändern begann. …«

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  • Die Geschichte selbst erwuchs aus meinem Ärger über Shakespeare. Denn das Ungeheuer Kaliban aus dem „Sturm“ war ja total im Recht (es war immerhin SEINE Insel, bevor Prospero auftauchte), und am Ende des Stücks erfahren wir über sein Schicksal überhaupt nichts. Kehrte er mit Prospero heim? Blieb er allein auf der Insel zurück? Ich beschloß zu versuchen, einige dieser Fragen zu beantworten.

    Am Anfang meinte ich auch, die Geschichte habe mit Kolonialismus zu tun und mit dieser heutzutage sehr altmodischen Vorstellung, daß Menschen sich die Verantwortung (und das Recht) anmaßen, andere zu beherrschen. „Die Insel des Magiers“ handelt in der Tat davon; doch das Thema einer Geschichte ist so eine Sache. Während des Schreibens wurde sie zunehmend eine Geschichte über Liebe und Verrat und Sprache und Kindheit.

    Keine Ahnung, ob wir das Buch falsch vermarktet haben (ich war nie sonderlich begeistert von den Umschlägen der englischen und amerikanischen Ausgaben) oder ob die Leser einfach kein dünnes Buch von mir wollen (was eine Schande wäre, denn ich werde weiter kurze Geschichten schreiben, aus denen keine dicken Bücher werden können), oder ob ich hier vielleicht ein uninteressanteres Buch geschrieben habe als sonst.

    Es fällt mir schwer, letzteres zu glauben, da es mir selbst so viel bedeutet hat, als ich daran arbeitete. Und die Leser, die mir dazu geschrieben haben, schienen ebenfalls nicht dieser Meinung zu sein.

    Die „Insel“ ist auch deshalb so besonders, weil zum erstenmal seit mehr als zehn Jahren meine Zeichnungen in einem Buch veröffentlicht wurden. Das Zeichnen hat großen Spaß gemacht, auch wenn ich erst so richtig wieder in Schwung war, als die letzte Illustration fertig war. Dann wollte ich am liebsten noch einmal von vorne beginnen und mehr wagen, doch es war zu spät, der Erscheinungstermin stand bevor.

    Am meisten gefällt mir an der „Insel“, daß die gesamte Handlung des „Sturm“, also des Theaterstücks, das mir die Anregung gegeben hat, erst gegen Ende und auf nur wenigen Seiten erzählt wird.

    Und noch etwas gefällt mir: daß vielleicht jemand, der das Stück weder gelesen noch gesehen hat, durch mein Buch zu Shakespeares Meisterwerk hingeführt wird. Es würde mir ein Gefühl großer Befriedigung geben, könnte ich auf diese Weise ein wenig vergelten, was alle modernen Schriftsteller dem Großen Zampano vom Avon verdanken.

Die Stimme der Finsternis

Infos zum Buch: Stimme der Finsternis»“Stimme der Finsternis“, im folgenden nur „Stimme“ genannt, damit ich keinen Schreibkrampf kriege, war ganz zu Anfang eine längere Kurzgeschichte für das Weird Tales Magazine. Noch früher eine Erzählung, die am Ende eines der späten Kreuzzüge spielte, nach der Schlacht von Nikopolis, als die Kreuzritter von Sultan Bajasid I. so richtig verdroschen wurden. Aber man hatte mich gebeten, eine Geschichte für eine Anthologie zu schreiben, die „Arabian Knights“ heißen sollte, und da habe ich den Schauplatz geändert. Die ursprünglichen Figuren waren fränkische Kreuzritter, die in den Bergen von einem Vampir verfolgt wurden. …«

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  • Die Geschichte wurde zu lang für die Anthologie, also ging sie an Weird Tales.

    Als man mich ein paar Jahre später bat, daraus eine Novelle zu machen, steckte ich bereits mitten in meiner Trilogie [d. h. die Osten-Ard-Geschichte, A.d.Ü.], aber da man mir vorschlug, mit einem Ko-Autor zu arbeiten, wollte ich mir die Sache überlegen. Als sich dann Nina Kiriki Hoffman anbot, sagte ich sofort zu. Nina ist eine tolle Autorin, und ihr solltet euch auf der Stelle etwas von ihr besorgen und lesen (ihr Roman „The Thread that Binds the Bones“ wäre kein schlechter Anfang).

    Nina und ich besprachen, was wir einfügen wollten, damit die Erzählung länger wurde – was hauptsächlich bedeutete, daß wir mehr Geschichten hinzufügten und einige Szenen ausbauten, die ursprünglich nur beiläufig erwähnt wurden, wie der Überfall der Räuber. Daraufhin schrieb Nina einen Entwurf, den ich umschrieb, und so ging es hin und her, bis wir zufrieden waren.

    Um eine häufig gestellte Frage zu beantworten: Der Richard Burton, dem das Buch gewidmet ist, ist NICHT der Schauspieler, der Elizabeth Taylor geheiratet hat, sondern der Schriftsteller und Entdecker aus dem 19. Jahrhundert gleichen Namens. Wenn ihr wissen wollt, was ein wirklich ungewöhnliches Leben ist, verrückter und weit interessanter, als jedes je erfundene sein kann, dann sucht nach einer Biographie von Richard Burton. Ziemlich cool der Typ.

    Einige haben die »Stimme« nicht gelesen, nur weil sie sehr kurz ist, und in der Tat, die Schrift in einigen Ausgaben ist ziemlich groß, damit die Geschichte länger aussieht, doch ich meine, sie ist lesenswert – und zwar in der kurzen wie in der längeren Version. Sie handelt eigentlich nicht von Vampiren oder Kreuzrittern oder so was, sondern vom Erzählen, und das ist mir von allen Dingen auf der Welt das liebste.