Brief von Tad (Feb. 2001)

Endlich vorbei! Fünf oder sechs Jahre lang habe ich daran geschrieben, vielleicht auch länger, habe mit dieser Geschichte im Kopf schon Jahre gelebt, bevor ich auch nur ein einziges Wort zu Papier brachte. Und jetzt erscheint der letzte Teil des Buchs. Ich habe mit meinen Figuren länger gelebt als mit meinen Kindern. Nun ist alles zu Ende. Wenn die Figuren gestorben sind, sind sie gestorben. Wenn sie noch leben, leben sie. Es ist zu spät, etwas zu ändern. Bin ich glücklich? Mehr als glücklich natürlich. Überglücklich, daß ich fertig bin, und stolz darüber, was daraus geworden ist. Aber heißt das auch, daß man das Ende einer jahrelangen harten und lieben Arbeit feiern sollte? Sollte man meinen, oder? Aber das Ende einer solchen mehrbändigen und vielschichtigen Odyssee ist nie wirklich befriedigend – einfach weil es kein sauberes, glattes Ende gibt.

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Nach Monaten und Monaten des Schreibens hat man schließlich die erste Fassung, was mehr oder weniger nur bedeutet, daß man die Figuren geschaffen hat; denn da sind immer noch Szenen, die umgearbeitet und neu geschrieben werden müssen – kein wirklicher Grund also zum Feiern.

Man macht einen zweiten, dritten und x-ten Entwurf, und irgendwann kommt man zum letzten, der fast schon so aussieht, als wäre er tatsächlich der endgültige, aber nur fast, weil das Buch eben noch nicht fertig ist. Man hat daran gearbeitet und herumpoliert. Wäre es eine Statue für den Marktplatz, könnte man sie auf ein Podest heben und den Tauben alles weitere überlassen. Feiern kann man eigentlich immer noch nicht, schließlich sind da noch die Fahnen.

Wenn dann die Druckfahnen mit der Post ankommen, wird das Buch auf eine gewisse Weise wieder lebendig, denn jetzt sieht man alles abgesetzt, was nett und nicht so nett sein kann. Nett, weil es jetzt so viel mehr nach einem Buch aussieht als das Manuskript. Nicht so nett, weil plötzlich manche Sachen anders klingen, einfach nur weil sie auf anderen Seiten stehen und in einer anderen Schrift. Manches, was ich beabsichtigt hatte, verschwindet. Anderes sieht im Umbruch etwas merkwürdig aus, was mir im Manuskript nicht so aufgefallen ist. Na ja, man liest und korrigiert, und dann schickt man die Fahnen zurück und denkt, jetzt ist es wirklich fertig. Jetzt darf ich feiern. Aber da gibt es immer noch eine Menge andere Dinge, um die man sich kümmern muß – z. B. was nachträglich in die Fahne eingefügt werden muß. Oder Dinge um das Buch herum: wie zum Beispiel diesen Text schreiben, den ihr im Moment lest und den ich zwei Wochen, nachdem ich die Fahnen an den Verlag zurückgeschickt habe, schreibe. Aber ein paar Monate bevor das Buches erscheint. So, war’s das jetzt? Ich bin nicht sicher.

Ich habe den stillen Verdacht, daß das Buch nicht wirklich fertig ist, bis nicht andere es lesen und ihre Meinung sagen. Denn ich habe es ungefähr sechsmal in vier Monaten gelesen – alle 1.100 Manuskriptseiten. Und ich habe genug. Ich habe keine Ahnung, ob es gut ist oder nicht. Ich brauche jemanden, der es mir sagt. Was mich persönlich betrifft, ist es das langweiligste und überflüssigste Buch in der Geschichte dieses Teils unserer Galaxis. Wenn ich nie mehr hineinschauen müßte, wäre ich der glücklichste Mensch. Ich hoffe natürlich sehr, daß andere dort draußen es anders sehen.

Deshalb muß ich warten, bis ich Briefe und e-mails bekomme, die so was sagen wie „Hey, Williams, das vierte Buch ist ein richtiger Knaller“ oder wenigstens, „Ich habe gerade den letzten Band von Otherland gelesen, und ich meine, es ist sehr interessant, wie Sie die Figur X entwickelt haben und die Figur Y nicht und besonders, was Sie mit Figur Z gemacht haben.“ Dann vielleicht ist wirklich alles endgültig vorbei, und ich kann meine Familie mit gutem Gewissen zum Essen ausführen (derzeit höchstens in ein Restaurant, das mit dem Kindermenü auch Spielsachen serviert) und stolz verkünden: „Also, Daddy hat jetzt sein Buch fertig.“

Worauf meine Kinder oder vielmehr das eine, das schon sprechen kann, sagen wird: „Das ist aber schön, Daddy. Was für ein Buch?“